Stuhlgang - oder von der Entdeckung der 3. Dimension ("oben")Wenn man nur 87cm hoch ist, lebt man quasi in einer flachen Ebene, weil die meisten interessanten) Dinge höher als 87cm sind. Da ist der Stuhl an sich ein fantastisches Hilfsmittel. Ab eben dieser Körpergröße hat man nämlich auch die Kraft und Motorik, einen Stuhl zu bewegen und zu erklimmen und damit wird dieses Möbel zu einem fantastischen Komplizen.
Den Eltern fällt zunächst nur auf "wo ist denn der Stuhl? Naja die Mädels haben ihn wohl für irgendwas gebraucht". Dann aber Schürf- und Schleifgeräusche in der Wohnung, während man duscht, auf dem Klo verweilt oder bei anderen unbeaufsichtigten Minuten.
Ein Jammer für die Katze: die 'Theke' im Flur (ca. 1,20m) war immer ein guter Zufluchtsort vor kleinen Buben, die den frisch geputzten Pelz vollsabbern und kleine Finger in Katzenohren und -augen stecken. Dank Stuhl muss jetzt ein neuer Zufluchtsort gesucht werden. Mit der Gießkanne auf dem einen, halb-hohen Wohnzimmerschrank kann man übrigens nicht nur Blumen gießen. Eventuell wachsen ja nicht nur Blumen, sondern auch Stuhlbeine, wenn man sie gründlich wässert?
Man kann sich den Komplizen auch vor Papas Regal schieben und das Druckerpapier im Büro verteilen. Ein schicker, weißer Bodenbelag ist doch mal was anderes, als immer nur dieses Bauhaus Laminat. Man kann auf dem Drucker rumklopfen und die Scannerklappe hoch machen, um sie dann mit voller Wucht wieder zuzuschmeißen - immer und immer wieder. Auch sehr beliebt: die Lautsprecherboxen des Computers auf dem Schreibtisch bis zum Anschlag aufdrehen. Wenn Windows dann z.B. die Startmelodie spielt, wird der arme Elternteil vor dem Bildschirm mit 140 Dezibel vollgedröhnt, dass die Haare nach hinten stehen.
Man kommt sogar auf die Küchenarbeitsplatte, und von dort an den Hängeschrank mit den Süßigkeiten. Man kann sich grenzenlos bedienen, bis einem schlecht wird. Die schmutzigen Finger putzt man aber besser an der rauhen Wand ab, für einen Lappen/Handtuch müsste man den Stuhl extra in Richtung Spüle schieben. Aber wenn die Hände dann sauber sind, ist die Spüle natürlich doch ein interessanter Ort. Man kann sich fast reinsetzen und an diesem Hebel rumfingern, bis Wasser kommt. Dann probiert man das ganze natürlich noch im Bad aus - ist quasi das gleiche, aber eine ganz andere Optik. Man kann sich wunderbar die Finger dabei verbrühen und bekommt zum Trost Streicheleinheiten von Mami und ganz legal eventuell noch etwas aus dem Süßigkeitenschrank.
Auch die Fensterbank ist ein lohnendes Ziel. Man kann prima raus gucken, nachdem man alles, was dort lag, runter gefegt hat. Wenn man allerdings zu viel mit dem Gesicht und den Händen an der Fensterscheibe rum schmiert, wird es irgendwie nebelig draußen.
Man kann auch prima vom Stuhl runter fallen und es wie einen gewagten Stunt aussehen lassen. Dass man mit diesem Holz-Kumpel auch wunderbar das Absperrgitter vor der Treppe überwinden kann - dafür haben Intellekt und Abenteuerlust noch nicht gereicht, aber das ist nur eine Frage der Zeit...
Wie sichert man also Stühle? Auf den Tisch stellen? Wie gemütlich. Und wehe, der Bub schafft es, an eines der Stuhlbeine zu greifen und daran zu ziehen.